Zusammenfassung des Untersuchungsberichtes
"Pfingsthochwasser 1999"
des Untersuchgungsbeauftragten der Stadt Augsburg
Generalmajor a.D. Bruno von Mengden

Vorgestellt am 16.03.2000 im Augsburger Rathaus

Seiten 100-108 des insgesamt 142 Seiten umfassenden Berichtes.

Trotz immer wieder auftretender Hochwasser an der Wertach spielte bis zum Pfingsthochwasser 1999 dieses Thema im Bewusstsein der Bevölkerung und auch der Verwaltung eine untergeordnete Rolle. Diese Tatsache führte zu einer Unterschätzung des mit der Wertach zusammenhängenden Gefahrenpotentials mit all seinen Folgen.

Das Ackermannwehr wurde zwar im vergangenen Jahrhundert gebaut, hat daher weniger breite Schleusentore als modernere Wehranlagen, ist aber von seinen Bedienungselementen her als voll funktionstüchtig zu bezeichnen Es hat allen vorausgegangenen Hochwassern ohne nennenswerte Verklausungsprobleme standgehalten.

Die Wettersituation vor Pfingsten, die nicht nur von einem Hochwasser an Christi-Himmelfahrt, sondern von einer lang anhaltenden Regenperiode gekennzeichnet war, führte zu einer Wassersättigung der Böden, so dass der kommende Starkregen vollständig zum Abfluss kommen musste. Die Niederschlagsmengen in einigen Bereichen und die daraus resultierenden Abflüsse übertrafen in einigen Fällen eine Jährlichkeit von hundert Jahren.

Die Starkregenvorhersagen und Unwetterwarnungen durch den Deutschen Wetterdienst waren rechtzeitig und im Regelfall zutreffend.

Der Hochwassernachrichtendienst, der theoretisch eine Vorhersage- und Warnfunktion erfüllt, wurde in seiner Anwendung in Augsburg auf eine reine Pegelabfrage und -weitergabe reduziert. Die mit den Pegelansagen verbundenen Tendenzangaben führten bei einigen Nicht-Fachleuten in Einsatz- und Führungsfunktionen zu Fehlinterpretationen und falschen Reaktionen.

Durch vorausschauendes und gezieltes Abflussmanagement des Hochwasserspeichers Grüntensee wurde ein tausendjährlicher Zufluss zum Grüntensee zu einem höchstens hundertjährlichen Hochwasser für die Unterlieger entschärft.

Der Konflikt zwischen Wasserbau, Naturschutz und Landschaftspflege hat im Stadtgebiet Augsburg immer wieder zu unbefriedigenden Reibungsverlusten geführt. Die Aussicht auf die Sanierung des sich immer weiter eintiefenden Wertachbettes im Rahmen des Programms ,,Wertach Vital” führten zu einem Hinausschieben der Beseitigung von Hochwasserschäden in dem Flussabschnitt zwischen dem Inninger Kraftwerk und dem Ackermannwehr. Diese wiederum verursachten während des
Pfingsthochwassers massive Uferabbrüche und enorme Treibgutfrachten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit führten diese zu der bisher bei keinem Hochwasser erlebten extremen Verklausung des Ackermannwehres.

Diese Verklausung war durch üblicherweise vorzuhaltende Mittel nicht zu beseitigen. Großgerät konnte aufgrund der Konstruktion des Wehres einerseits, und der seit längerer Zeit überfluteten Uferstreifen andererseits, nicht zum Einsatz gebracht werden. Eine mögliche Sprengung musste aus technischen und aus Sicherheitsgründen unterbleiben.

Die Deichverteidigung wurde durch eine zu geringe Verfügbarkeit von Sandsäcken, vor allem in der Anfangsphase, erschwert. Durch einen engagierten, beispielhaften Einsatz freiwilliger Helfer, Angehöriger von Feuerwehren und Hilfsorganisationen konnten organisatorische Mängel vor Ort ausgeglichen werden. Flussbausteine und grobes Schüttmaterial zur Stützung des gefährdeten
Deiches waren nur mit großen Schwierigkeiten zu beschaffen.

Nach dem Bruch des Westdeiches war trotz der Aufnahme sofortiger Erkundungsfahrten durch Mitglieder der Einsatzführung vor Ort erst sehr spät erkennbar, wohin und wie viel Wasser aus der Bruchstelle fließen würde. Die nach dem Ereignis vorgebrachte Feststellung, dass man erwarten durfte, dass das Wasser in den ,,alten Brunnenbach" fließen würde, war für keinen, der für den
Einsatz verantwortlich Tätigen erkennbar oder vorhersehbar. Durch diese Tatsache konnte die Warnung und Alarmierung der Bevölkerung über die allgemeine Information der Medien hinaus erst sehr spät erfolgen. Weckmittel, wie Sirenen oder Kirchenglocken, kamen nicht oder konnten mangels Verfügbarkeit nicht zum Einsatz kommen.

Die Unterstützung der Bevölkerung durch Rettungsmaßnahmen und in einem späteren Zeitpunkt durch Hilfsmaßnahmen war effizient und erfolgreich. Als schwierig erwies sich die Lösung des Problems, die Bevölkerung zeitgerecht mit aktuellen Informationen zu versorgen. Vor allem die immer wieder auftauchende Meldung, dass eine zweite Flutwelle zu erwarten sei, sorgte für große
Unruhe.

Das Führungspersonal ging vorbereitet auf eine mögliche Hochwassersituation in das Pfingstwochenende. Aufgrund von Wetter- und Hochwasserwarnungen wurde die Abteilung Wasser- und Brückenbau des Tiefbauamtes Augsburg über das Wochenende in Bereitschaft gesetzt. Die Kernmannschaft einer potentiellen Führungsgruppe Katastrophenschutz, der Ordnungsreferent,
der Leiter des Amts für Brand- und Katastrophenschutz und der Leiter des Tiefbauamtes vereinbarten am 21.05.1999 mittags Rufbereitschaft für das Wochenende. Die Feuerwehren und die Hilfsorganisationen hatten normale Bereitschaftsdienste. Im Laufe des Geschehens wurde keine generelle Alarmierung eingeleitet, sondern sukzessive der Direktionsdienst der Berufsfeuerwehr
Augsburg und dann der Krisenstab alarmiert. Mit der Rettungsleitstelle, der Polizei und dem Technischen Hilfswerk wurde Verbindung aufgenommen, aber keine Alarmierung eingeleitet. Die Einsatzleitung wurde durch den Leiter des Amtes für Brand-und Katastrophenschutz aus der Einsatzzentrale übernommen, unterstützt durch eine Einsatzleitung vor Ort am Ackermannwehr.
Von der durch das Bayerische Katastrophenschutzgesetz eröffneten Möglichkeit, bereits bei einem Großschadensereignis unterhalb der Katastrophenschwelle einen Örtlichen Einsatzleiter mit allen Befugnissen einzusetzen, wurde kein Gebrauch gemacht. Die Einsatzzentrale der Berufsfeuerwehr Augsburg, die für die Bewältigung eines Hochwasserereignisses diesen Umfangs weder personell noch materiell ausgelegt ist, erreichte sehr schnell ihre Leistungsgrenze. Sie konnte daher dem Einsatzleiter keine Voraussetzungen für planvolles Agieren geben. Bestenfalls wurde ihm ein Reagieren ermöglicht.

Die mobile Einsatzstelle am Ackermannwehr wurde ohne klare hierarchische Gliederung geführt. Die Einsatzleiter vor Ort arbeiteten kollegial zusammen und versuchten die Probleme mit viel Eigeninitiative zu lösen. Die Koordination mit der Einsatzzentrale der Berufsfeuerwehr Augsburg wurde erschwert durch nicht immer befriedigende Kommunikationsmittel (überlagerter
Funkverkehr, besetzte Telefone). Der zwar an der Einsatzstelle eingesetzte Katastropheneinsatzleitwagen konnte wegen mangelnder Ausstattung und Auslegung nur sehr eingeschränkt als zentrale Leitstelle genutzt werden.

Insgesamt muss festgestellt werden, dass nur in seltenen Fällen sowohl in der Einsatzzentrale der Berufsfeuerwehr als auch in der Einsatzleitstelle vor Ort ein aktuelles Gesamtlagebild verfügbar war. Diese Tatsache wurde unterstrichen durch die Einschätzung der Situation bei der Einweisung des Oberbürgermeisters an der Einsatzstelle. Es wurde ihm der Eindruck vermittelt, dass die
Situation zwar schwierig sei, aber voll unter Kontrolle. Auf dem Hintergrund dieser Beurteilung hat der Oberbürgermeister in einem kurzen persönlichen Gespräch mit dem Ordnungsreferenten dessen geplanten Urlaub ab 23.05.1999 nicht widersprochen, da die Vertretung geregelt war und der Vertreter bereits vor Ort eingewiesen war. Der Oberbürgermeister und nach einiger Zeit auch der
Ordnungsreferent haben die Einsatzstelle verlassen mit dem Eindruck, dass alles im Griff sei. Der Ordnungsreferent ist nach einer Erkundungsfahrt in Göggingen und einem kurzen Aufenthalt in der Einsatzzentrale der Berufsfeuerwehr nach Hause gefahren.

Die letztendliche Feststellung des Katastrophenfalles war nicht initiiert durch eine besondere Verschärfung der Lage, sondern primär auf Anstoß der Regierung von Schwaben veranlasst, um einen verstärkten Einsatz der Bundeswehr begründen zu können. Dies wurde nicht nur von dem Leiter der Einsatzzentrale, dem Leiter des Amts für Brand- und Katastrophenschutz, so begründet,
sondern auch dem Ordnungsreferenten so weitergegeben und von ihm akzeptiert. Es bestand daher keine Notwendigkeit seiner persönlichen Anwesenheit.

Diese Einstellung führte konsequenterweise auch nach der Feststellung des Katastrophenfalles zur Fortsetzung des ,,Feuerwehreinsatzes", wie gehabt. Daher wurde auch die Führungsgruppe Katastrophenschutz weder einberufen, noch die Nutzung deren Einsatzzentrale in der Gögginger Straße als Alternative zur Einsatzzentrale der Berufsfeuerwehr in Betracht gezogen. Bei einer Führung aus der Einrichtung der Gögginger Straße, besetzt mit dem vorgesehenen Personal, wären viele Probleme wesentlich erleichtert worden. Die notwendige Lösung der minute-to-minute Probleme in der Einsatzzentrale wäre getrennt gewesen von der Aufarbeitung der logistischen Probleme, wie beispielsweise der Deichverteidigung mit Sandsackmanagement. Die Verbindung mit den Medien
hätte durch den Vertreter des Amts für Öffentlichkeitsarbeit übernommen werden können. Die Lageinformationen hätten dargestellt werden können. Der Feuerwehreinsatzfunk hätte von dem Katastrophenfunk getrennt werden können. Gemeinsame Besprechungen zur Lagebeurteilung und Planung zusammen mit Vertretern der Polizei, der Wasserwirtschaft, der Energieversorgungsunternehmen, der Landkreisfeuerwehr und ausgewählten Hilfsorganisationen hätten stattfinden können. All dies war weder in der Einsatzzentrale der Berufsfeuerwehr Augsburg, noch im Katastropheneinsatzleitwagen vor Ort möglich.

Nach einer erheblichen Verschärfung der Lage und der Ausweitung des Überflutungsgebietes informierte der Leiter der Einsatzzentrale, wie abgesprochen, den Ordnungsreferenten. Er teilte diesem mit, dass in weiten Bereichen ,,Land unter" sei und man die Lage nicht mehr im Griff habe. Der Ordnungsreferent wies auf seinen Vertreter und dessen baldigen Dienstantritt hin. Er hielt sein Erscheinen für nicht erforderlich und schlug vor, am Morgen möglicherweise die FüGK einzuberufen.

In der Folgezeit koordinierte die Einsatzzentrale Rettungseinsätze und nahm Anforderungen zum Auspumpen von Kellern und Tiefgaragen an, welche sie an die beiden eingerichteten technischen Einsatzzentralen in der Freiwilligen Feuerwehr Pfersee und in der Sheridan-Kaserne weiterleitete.

Da die akute Gefahrenlage nicht mehr bestand, das Wasser in den betroffenen Gebieten gefallen war und die Errichtung des Ersatzdeiches erhebliche Fortschritte machte, teilte der Leiter der Einsatzzentrale den Medien mit, dass mit Wirkung 12:00 Uhr der Katastrophenfall beendet sei. Anschließend informierte er den Oberbürgermeister. Der Vertreter des Ordnungsreferenten war in
diesen Prozess nicht einbezogen.

Als Fazit des Geschehens beim Pfingsthochwasser ist festzustellen:




Empfehlungen

Da die Untersuchungen aus beschriebenen Gründen eine längere Zeit in Anspruch nahmen, als ursprünglich erwartet, wurden untersuchungsbegleitend bereits Empfehlungen ausgesprochen und Vorschläge gemacht. Ein Großteil der Empfehlungen ist entweder in die Wege geleitet, der eine oder andere Vorschlag bereits realisiert worden.

DWD/HND-Warnungen

Das Tiefbauamt als Hauptmeldestelle des Hochwassernachrichtendienstes sollte in Zusammenarbeit mit dem Wasserwirtschaftsamt Donauwörth eine Verbesserung des Inhaltes der Hochwassernachrichten erarbeiten. Es sollte auch die Möglichkeit untersucht werden, die verstärkte Zusammenarbeit der Meteorologen und Hydrologen für eine Auswertung von Niederschlags-/Abflussmodellen zu nutzen. Auch empfangende Stellen sollten mit der Aussagekraft und deren Einschränkung von Pegelmessungen vertraut gemacht werden.

Gewässerunterhaltung

Auf dem Sektor der Gewässerunterhaltung sollte die Stadt Augsburg im Rahmen ihrer allgemeinen Gewässeraufsichtspflicht darauf drängen, dass die Wertachufersanierungen nicht durch das geplante Programm ,,Wertach Vital" zu lange verzögert werden.

Verklausung

Der geplante Neubau des Ackermannwehres wird sicher nicht dieses zu einem Objekt möglicher Verklausung machen, sondern das bereits beim Pfingsthochwasser 1999 teilweise verklauste, dahinterliegende Goggelesswehr. Die durch das Tieffbauamt vorgeschlagenen Maßnahmen sind so schnell wie möglich umzusetzen.

Deichverteidigung

Die Bevorratung an gefüllten bzw. ungefüllten Sandsäcken sollte wesentlich aufgestockt werden. Die Größenordnung dürfte für die Stadt Augsburg mit zwei Gewässern erster Ordnung und einem ausgedehnten Bach- und Kanalnetz bei mindestens 5000 Stück liegen. Deichversteinungsmaterial, wie Flussbausteine und ähnliches, muss durch das Tiefbauamt sicher in gewissem Umfang
vorgehalten werden.

Warnung der Bevölkerung

Bei der Warnung der Bevölkerung stellten sich als besonderer Mangel das Nichtvorhandensein von Sirenen heraus. Mit diesen hätte ein flächendeckender “Weckruf” ausgebracht werden können. Die Wiederbeschaffung von Sirenen ist bereits in ein Planungsstadium getreten. Sie ist aber unbedingt mit einer lnformationskampagne der Bevölkerung zu verbinden, in der Verhaltensweisen bei
Alarmierung deutlich gemacht werden.

Führung und Organisation

Dem Führungspersonal, das zur Bewältigung von Großschadensereignissen und Katastrophen vorgesehen ist, sollten die Möglichkeiten, die die Neufassung des Bayerischen Katastrophenschutzgesetzes eröffnet, verdeutlicht werden. Die frühzeitige Nutzung eines Örtlichen Einsatzleiters und seiner Unterstützungskomponenten unterhalb der Schwelle einer festgestellten
Katastrophe wird dringend angeraten. Die Verfahren dabei sollten in häufigeren Übungen, Rahmenübungen und nicht nur Fernmeldeübungen, überprüft werden. Eine Auffrischung der Ausbildung an der Katastrophenschutzschule Bayern in Geretsried wird angeraten.

Die Einrichtung einer Führungszelle Katastrophenschutz wurde in der Hauptfeuerwache bereits realisiert und beim Jahreswechsel 1999/2000 getestet. Die Zelle sollte auf den modernsten Stand der Technik gebracht werden (PC, Funkgeräte, Anschluss an den Einsatzleitrechner der Einsatzzentrale der Berufsfeuerwehr). Die Planung des Ersatzes des völlig überalterten
Katastropheneinsatzleitwagen sollte schnell umgesetzt werden.

Der Katastrophenschutzplan wurde mittlerweile durch einen Sonderplan Hochwasserkatastrophenschutz ergänzt. Dieser Plan sollte noch einmal mit den Plänen einer typischen Hochwassergemeinde, wie Regensburg oder Passau, verglichen werden.

Um dem Katastrophenschutz im Amt für Brand- und Katastrophenschutz und auch im Außenverhältnis wieder das angemessene Gewicht zu geben, wird vorgeschlagen, die ehemalige Sachgebietsleiterstelle (A 12) wieder einzurichten. Eine mögliche Zuordnung zum stellvertretenden Leiter des Amtes für Brand- und Katastrophenschutz sollte im Rahmen der anstehenden Organisationsuntersuchungen des Kommunlen Prüfüngsverbandes erwogen werden.

Zur Verbesserung der Alarmierung, vor allem der Hilfsorganisationen auch in einem “Nicht-Rettungs-Einsatz”, sollten andere als die gültigen Verfahren geprüft werden. Die offensichtlich in Untersuchung befindliche Planung der Schaffung einer Integrierten Leitstelle,
gekoppelt mit der Einführung einer einheitlichen Notrufnummer 112, sollte voll unterstützt werden.

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